Der Nordwest fegte heulend durch das Moor und trieb den Pulverschnee in Schwaden über die hartgefrorenen Wasserlachen, er pfiff fast kreischend durch den Stacheldraht und preßte die eisige Kälte durch jede Ritze der langen Holzbaracken. Die Außenarbeit war eingestellt worden, und die Gefangenen hockten an den rohen Tischen, nähend oder schreibend, einige spielten Schach. Oben am Ende saß der fünfzigjährige Seiffert, rauchte still und hielt die Augen meist geschlossen. „Woran denkst du?“ fragte ihn Kramer. Seiffert hob die Augenlider, und ein fast verschmitztes Lächeln flog über sein Gesicht: „Weißt du, vor zwei Jahren die Feier?“ Und Kramer meinte: „Kommt auch mal wieder.“ Aber Seiffens Lächeln verschwand nicht. „Mal?“ sagte er. „Warum nicht heute, wie sich’s gehört, und warum nicht hier mitten im Konzentrationslager?“ Kramer sah ihn erschrocken an: „Was, hier? Unmöglich, wo doch fünfzehn SA-Leute mit im Stall liegen.“
Doch da hatte sich Seiffert schon erhoben: „Wird den Bengels auch nichts schaden.“ Dann stand er neben einem der Schachbretter. „Du, Anton“, fragte er scheinbar nebenher, „du bist ja auch aus unserer Gegend. Weißt du, was mich immer wundert? Daß sie bei uns in Ilmenberg den Opferstein noch nicht umgetauft haben.“
„Opferstein? Wieso? Was?“ fragte Dr. Levi, ein stets interessierter kleiner Mann, der wegen pazifistischer Gesinnung schon den zehnten Monat hier war. „Erzähle mal, Seiffert, Historisches hören wir alle gerne.“
Und nun war Seiffert an seinem Ziel, und es dauerte gar nicht lange, da hörte die ganze Baracke zu. „Lauter“, riefen einige von hinten. „Da rückt doch die Bänke herum“, meinte Kramer. „Lautsprecher ham wir keene hier.“ In kurzem sah der ganze Raum wie ein Versammlungssaal aus. Von den hundertfünfzig Insassen waren die gute Hälfte Kommunisten, der Rest ein Gemisch aus Weimarer Parteien, Juden und ein paar Stahlhelmern. Die SA-Männer waren über die Abwechslung froh, und es muß gesagt werden, daß sie bald zu den aufmerksamsten Zuhörern zählten.
„Also es ist die Geschichte eines Aufstandes“, begann nun Seiffert, „die in meiner Heimatstadt einem alten Turm zu dem Namen Opferstein verholfen hat. Ilmenberg war damals eine blühende Stadt, beherrscht von alten Patriziergeschlechtern. Mächtige Zünfte, geführt von einem energischen Tuchmacher namens Lindenhofer, versuchten nun zur Zeit der beginnenden Reformation, ihrem Stadtrat eine Verfassung aufzudrängen, in der sie auch was mit zu sagen hauen. In mancherlei Fehden hatten sie ihre gesunden Knochen und ihre guten Ersparnisse nicht geschont. Ihre Forderungen nach gleichen Rechten waren nicht unbillig, und vielleicht hätten sie auch derlei erreichen können, wenn sie alle, die beherrscht wurden, eines Sinnes gewesen wären. Aber wie hätten sie das sein sollen! Gegen die Meister standen bereits die Gesellen, derer immer mehr bei den engen Zunftgesetzen ohne jede Aussicht lebten, jemals Meister zu werden, deren Los dafür war, eines Tages in den Vorstädten zu landen und sich von Schwarzarbeit zu ernähren. In jenen Vorstädten, den Gassen also, die schutzlos außerhalb der Mauern lagen, hausten alle Entrechteten: Invalide, dienstlose Landsknechte und vor allem Bauern, die man um ihre Scholle gebracht haue. Die Vorstädte waren Elendsquartiere schlimmster Art, die immer mehr anwuchsen und Zuzug aus den Dörfern erhielten, denn der Jammer allen Jammers, der Erbärmlichte. dessen sich niemand mehr erbarmte, das war der leibeigene Bauer. Dann aber geschah etwas, das alle Ereignisse in Fluß brachte, ja schließlich in einen reißenden Strom verwandelte, der alle Dämme der städtischen Ordnung hinwegzuspülen drohte. Es waren die Zeiten des Bundschuh, einer seiner Vorkämpfer hatte dessen Programm in die Gegend gebracht. Er hieß Lenker, war ein Schüler des Thomas Müntzer und brachte alles in Bewegung. Die Bauern fielen ihm freilich wie reife Früchte zu. Desgleichen die Vorstädter. Als er die Gegend verließ, wurde er fast wie ein Heiliger verehrt, in allen Hütten hing sein Bild, und heimlich wanderte die Flugschrift mit den 12 Artikeln der Bauern von Hand zu Hand. Aber Lenker hinterließ auch zwei fähige Führer, den schon erwähnten Lindenhofer sowie eine Bäuerin, genannt die Luntheimerin.
Im April 1525 brach der große Bauernkrieg aus. Ilmenberg, etwas abseits gelegen, war in fieberhafter Spannung, dem Stadtrat ward himmelangst denn der aufrührerischen Reden und des Zusammenrottens war kein Ende zu sehen. Da griff er, als die ersten Siegesnachrichten der revolutionären Bauernhaufen einliefen, zu einem letzten verzweifelten Mittel und ließ heimlich den Meister Lindenhofer sowie die Luntheimerin in Haft nehmen. Als die Erhebung ihre ersten Rückschläge erlitt, hatte der Stadthauptmann den Meister Lindenhofer in den Vogtsturm gelegt, vor dessen Tore er eines Nachts tot aufgefunden wurde. Man sagte, er habe fliehen wollen und dabei sei er von den Wächtern erschossen worden. Das Schicksal der Luntheimerin mag sich ähnlich vollzogen haben; in einem nahen Gewässer fand man bald darauf ihren entseelten Körper. Rasende Wut und Verzweiflung packte das arme betrogene Volk, dessen Führer man tückisch ermordet hatte. Am Vogtsturm fanden sich noch viele Jahre lang am Todestag der Ermordeten Aufschriften, anklagende und ermahnende, der graue Turm aber heißt seitdem im Volksmunde „Unserer Freiheit Opferstein“.
Schweigend hörten die hundertfünfzig Männer zu. Endlich erhob sich einer der Gefangenen, ein alter erfahrener Kommunist. Seine Augen fanden die des Erzählers, und ein Blick genügte, da wußte er: Seiffert hatte in einem Gleichnis geredet. Und mit klarer Stimme sagte er: „Volksgenossen! Wir haben gehört, die deutsche Geschichte ist reich an Beispielen. Drei Namen mögen uns mahnen: Lenker, Lindenhofer, Luntheimerin! L. L. L. Mir ist als habe ich eben eine Feierstunde erlebt.“
Zwei Tage später ging das Gerücht in der Gegend um, die Kommunisten hätten es fertiggebracht, eine Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Feier im Konzentrationslager abzuhalten.
Die Lagerverwaltung erklärte freilich: „Glatter Unsinn, desgleichen kann kein Mensch riskieren.“
erstmals erschienen in „Der Gegenangriff“ Prag am 17. Januar 1935, mit einer Tuschzeichnng; veröffentlicht in „Tannhäuser – Erzählungen und Geschichten“ Verlag Volk und Welt Berlin 1976 und in „Pseudonym Peter Nikl – Antifaschistische Texte und Grafik aus dem Exil“ Verlag Tribüne Berlin 1987